Geballte Frauenpower in der Seenplatte

Das Service- und BeratungsCentrum der Kommunalgemeinschaft Europaregion POMERANIA e. V. in Neubrandenburg hatte in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte und seinem Netzwerkpartner, dem CUD Szczecin, zu einem deutsch-polnischen Erfahrungsaustauch "Perspektive Selbstständigkeit - erfolgreiche Unternehmerinnen im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte" am 20. Juni 2018 eingeladen.


Ein Bericht von TOBIAS HOLTZ - Nordkurier Neubrandenburg

Sie haben das gewagt, wovon viele nur träumen - den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit. Vier Unternehmerinnen aus dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte präsentierten im Rahmen des deutsch-polnischen Erfahrungsaustausches der Euroregion Pomerania ihre Betriebe und berichteten davon, was es heißt, ihre eigene Chefin zu sein.

Ein ganz besonderer Hang zum Historischen

Neubrandenburg. Viel ist nicht übrig geblieben von Neubrandenburgs historischem Zentrum, nachdem 1945 ein verheerender Großbrand in der Stadt wütete. Umso wichtiger ist es, dass die wenigen Bauten, die Kriege und Zerstörungen überstanden haben, erhalten bleiben. Das dachte sich Daniela Them, die seit ihrer Kindheit von alten Dingen fasziniert ist. Der Immobilienmaklerin ist es mit viel Arbeit, Geld und Leidenschaft gelungen, einem historischen Gebäude Schritt für Schritt wieder neues Leben einzuhauchen.

Daniela Them2011 hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann den direkt an der Stadtmauer gelegenen Marstall aus Kirchenbesitz gekauft. Den ehemaligen herrschaftlichen Pferdestall ließ Herzogs Adolph Friedrich IV. von Mecklenburg-Strelitz als Teil seiner Sommerresidenz bauen. „In diesem Jahr feiert das geschichtsträchtige Haus schon seinen 236. Geburtstag“, sagt die Inhaberin. Im Obergeschoss wohnt die Familie. Für Touristen haben sie dort eine kleine Ferienwohnung mit Blick auf den liebevoll angelegten Garten im Innenhof eingerichtet. Im unteren Teil des restaurierten Hauses befinden sich mehrere kleine Räume und ein 170 Quadratmeter großer Saal. Als die aus Stettin angereisten Gäste, den mit antiken Möbeln und einer imposanten Bücherwand ausgestatteten Raum betreten, kommen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Saal mit seiner von alten Balken gestützten Decke und dem knarrenden Holzdielenboden verströmt das Flair einer längst vergangenen Zeit. „Heute finden hier neben Hochzeiten, Familien- und Firmenfeiern und Tagungen, auch Lesungen, Ausstellungen und kleine Konzerte statt“, erklärt Them.

Auch wenn sich die umfangreichen Sanierungsarbeiten als äußerst schwierig erwiesen hätten, sei die Liebe des Ehepaares zu alten Gemäuern ungebrochen. Daher hatten sie sich vor rund vier Jahren auch dazu entschlossen, das seit Langem leerstehende und stark beschädigte Nachbargebäude des Komplexes von der Stadt zu erwerben. „Dieser Teil wird allerdings kalt bleiben und nur in den Sommermonaten für kleine Märkte und Feste genutzt“, erklärt die Maklerin ihr Vorhaben. Auch wenn die Realisierung des nächsten baulichen Großprojektes alles andere als einfach werden wird, gibt sich Daniela Them optimistisch. „Wir haben es bisher immer geschafft jedes noch so große Problem zu lösen“, so die 46-Jährige.

Wenn Unternehmerinnen über ihre Erfahrungen berichten, sei das nicht nur spannend, sondern oft auch überzeugend, weiß der der stellvertretende Geschäftsführer der der Kommunalgemeinschaft Europaregion Pomerania, Udo Hirschfeld. „Denn obwohl sich in Deutschland immer mehr Frauen dafür entscheiden, ihre eigene Chefin zu sein, ist die Selbstständigkeitsquote bei ihnen nur halb hoch wie bei Männern“, sagt Hirschfeld. Daher habe man sich in Zusammenarbeit mit dem Landkreis und dessen Netzwerkpartner, dem CUD Szczecin, erstmals dazu entschieden, eine Reise speziell für Unternehmerinnen zu organisieren. Nicht selten gelänge es ihnen, dass der „Gründungsfunke“ auch auf die Zuhörerinnen überspringt.

Durch Umbrüche der Nachwendezeit - Mitarbeiter stehen gemeinsam unter Strom

Dr. Nicole LandtNeustrelitz. Mit welchen Schwierigkeiten es nach der Wende verbunden war, aus einem Volkseigenen Betrieb (VEB) ein Familienunternehmen zu machen, erfuhren die polnischen Teilnehmerinnen von Dr. Nicole Landt. Sie ist die Geschäftsführerin der 1950 gegründeten Elektro-Anlagenbau GmbH Neustrelitz (EAN), die zu DDR-Zeiten als einer der größten Betriebe in der Stadt galt. „Mit der Wiedervereinigung wurde der VEB in eine GmbH umgewandelt und zum Eigentum der Treuhand“, erklärt Landt. Ihr Vater wurde als neuer Geschäftsführer damit beauftragt einen Interessenten zu finden, der das Werk kauft.

Doch viele der potenziellen Käufer erkannten, dass sich mit dem Betrieb nicht so schnell Geld verdienen lassen würde. Etwa 640 Mitarbeiter und mehrere Niederlassungen in der Region gehörten damals dazu. „Diese sozialen Verpflichtungen und die ungewissen Zukunftsaussichten in der Nachwendezeit schreckten die meisten davon ab, das Unternehmen zu erwerben“, erinnert sich die 40-Jährige. Ihr Vater habe dann die Entscheidung getroffen, es selbst zu machen. Allerdings nicht ohne von der Treuhand die nächste Auflage zu erhalten. Er könne die Firma nur zusammen mit einem westdeutschen Geschäftspartner kaufen. Gesagt, getan. 1991 ging die Firma in deren gemeinsamen Besitz über.

Genau wie ihr Vater, stand Landt 16 Jahre später vor einer ähnlichen Entscheidung. Nach dem Tod beider Gesellschafter gingen die Ansichten der Erben über die Zukunft des Unternehmens weit auseinander: Verkauf oder Weiterführung. Die promovierte Betriebswirtin hätte sich dann dafür entschieden, die Firma im Sinne ihres Vaters fortzuführen. Sie hat diesen Schritt, wie sie selbst sagt, bis heute nicht bereut. „Auch wenn ich täglich einer wahren Männerdomäne ausgesetzt bin“, meint die gebürtige Neustrelitzerin lachend. Neun weiblichen stünden 80 männliche Mitarbeiter gegenüber. Trotzdem seien allen ein eingespieltes Team, getreu dem Firmenmotto: „Gemeinsam unter Strom“. Neben den üblichen Elektro-Installationsarbeiten gehören auch Aufträge im Bereich Kommunikations- und Sicherheitstechnik zum Portfolio. "Wir sind gerade dabei das sogenannte 'Smart Home' stärker aufzubauen", erklärt Landt. Über die Vernetzung von Haushaltstechnik mit mobilen Endgeräten soll den Kunden damit der Alltag erleichtert werden. So könne man beispielsweise von unterwegs aus mit dem Smartphone seine Waschmaschine starten.

Die Elektronenanlagen sind überwiegend auf großen Baustellen unterwegs. So haben sie in Mecklenburg-Vorpommern unter anderem im Neubrandenburger Klinikum, im Webasto-Werk oder auch bei Pfanni in Stavenhagen ihre Spuren hinterlassen. Doch nicht nur solche Aufträge liegen den Fachleuten, auch einen Servicebereich für Privatkunden bietet die Firma. Über Nachwuchsprobleme könne EAN nicht klagen. Die Nachfrage nach freien Ausbildungsplätzen sei groß, da die Lehrlinge bei guter Leistung auch die Chance hätten übernommen zu werden.

Auf den Spuren von Mirows Geschichte im Ritterkeller - Hotel entwickelte sich zu ihrem Kind

Martina Heyden SmentekDass der lange Weg in die Selbstständigkeit sich auch in hohem Maße auf das Privatleben auswirken kann, war Martina Heyden-Smentek von Anfang an bewusst. Die 41-Jährige ist Inhaberin des Restaurants und Hotels „Alte Schlossbrauerei“ auf der Mirower Schlossinsel. Sie wollte 2009 ihren Traum von der eigenen gastronomischen Einrichtung verwirklichen - zu einem Zeitpunkt, wo in Deutschland gerade die Finanzkrise herrschte. „Ich musste lange dafür kämpfen finanzielle Unterstützung zu erhalten, weil keine Bank damals in das Hotel- und Gaststättengewerbe investieren wollte“, erinnert sich die gelernte Diplomingenieurin der Lebensmitteltechnologie. Ein Jahr später war es dann soweit. Heyden-Smentek durfte die „Alte Schlossbrauerei“ ihr Eigen nennen. Allerdings musste viel getan werden, um aus der altbackenen DDR-Einrichtung des denkmalgeschützten Hauses ein gemütliches Lokal mit zwei Gasträumen und Seeterrasse entstehen zu lassen.

Da ihr das Haus sehr am Herzen lag, habe sie sich gemeinsam mit ihrem Mann gegen eigene Kinder entschieden. „Es ist schon ein hoher Preis, den man bezahlen muss. Aber ich sage immer die Schlossbrauerei ist zu meinem Kind geworden, das ich weiter großziehen muss“, so die Inhaberin. Daher gönne sie sich im Jahr auch lediglich eine Woche Urlaub zum Entspannen - selbstverständlich nur außerhalb der Saison. Es sei wichtig immer vor Ort zu sein und tatkräftig mitzuarbeiten. "Als Chefin muss ich für meine 27 Angestellten ein Vorbild sein und immer noch mehr arbeiten als sie", sagt Heyden-Smentek voller Überzeugung. Sie lege sehr großen Wert darauf, dass jeder Mitarbeiter nur eine 5-Tage-Woche habe. Denn unmotivierte und erschöpfte Kollegen würden beim Gast keinen guten Eindruck hinterlassen. Außerdem könne man durch einen pfleglichen Umgang mit seinem Personal dem Fachkräftemangel vorbeugen.
Mit der angebotenen Erlebnisgastronomie im 400 Quadratmeter großen unterirdischen „Ritterkeller“ hat das Ehepaar ein ganz besonderes Konzept für ihre Gäste geschaffen. "Wir bieten unseren Gästen ganzjährig ein mehr als dreistündiges Theaterstück, in dem die spannende Geschichte des Ortes Mirow von seinen Anfängen im Jahr 1227 bis heute erzählt wird", erklärt die Gastronomin begeistert. Das Besondere daran ist, dass nicht etwa professionelle Schauspieler, sondern die Mitarbeiter selbst bei der Inszenierung mitwirken. Dazu gebe es ein großes Buffet und im Anschluss könne bis in die frühen Morgenstunden getanzt werden

Mit Kollegen viel mehr als nur ein Ärztehaus geschaffen

Dr. Uta Arndt Wenn Ärztemangel in einer ländlichen Region droht, dann kann die Eigeninitiative der Mediziner vor Ort durchaus Großes bewirken. Das hat Dr. Uta Arndt eindrucksvoll bewiesen. Um etwas gegen die absehbare medizinische Unterversorgung in Mirow zu unternehmen, startete sie gemeinsam mit einigen Kollegen das Projekt „Gesundheitshaus“. „Eines unserer Ziele ist es, dass ältere Menschen und Familien mit kleinen Kindern nur möglichst kurze Weg für den Arztbesuch zurücklegen müssen“, so die Ärztin. Außerdem habe man mit dem 2013 eröffneten Gesundheitshaus optimale Bedingungen geschaffen, die das Praktizieren im ländlichen Raum auch für junge Ärzte attraktiv machen würden.

Das anfangs nur von ihr und einer Kollegin betriebene Ärztehaus hat sich mithilfe von EU-Fördermitteln zu einem barrierefreien, medizinischen Zentrum mit neu angebauten Warte- und Behandlungsräumen, Zweigpraxen von Fachärzten, einer Physio- und Psychotherapie-Praxis, einem Bistro, einer Apotheke und Röntgenabteilung entwickelt. Von den komfortablen Behandlungs- und Arbeitsbedingungen konnten sich die Teilnehmerinnen bei einem Rundgang selbst überzeugen.

„Das Gesundheitshaus ermöglicht es, dass sich Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen auf kurzem Wege miteinander austauschen und auf ihre Patienten abgestimmte Behandlungskonzepte und Therapieangebote erarbeiten können“, fasst die 59-Jährige die praktischen Vorteile zusammen. Zeitraubende Verwaltungsaufgaben, wie die Erledigung von Abrechnungen, würden eigens dafür angestellte Kräfte übernehmen.

Neben der medizinischen Versorgung werden regelmäßig Vorträge zu verschiedensten Beratungsthemen veranstaltet sowie Sport- und Kochkurse durchgeführt. Im Obergeschoss befinden sich sechs Appartements, die sowohl von Touristen als auch Patienten genutzt werden können. „Es hat sich herumgesprochen, dass wir viel mehr sind als ein Ärztehaus. Unser umfangreiches Angebot wird von den Leuten sehr gut angenommen. Es melden sich auch immer wieder junge Kollegen, die gerne bei uns anfangen möchten“, so die Ärztin.

Den im wahrsten Sinne des Wortes krönenden Abschluss der Unternehmerinnenreise bildete ein Rundgang über die Schlossinsel Mirow.

Gruppenbild

 

 

 

 

 

 

 Fotos (15): Tobias Holtz

 Kontakt zum Autor

t.holtz@nordkurier.de

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