Warum Polens sparsamste Stadt einen Besuch wert ist

Geschrieben von SBC Neubrandenburg

Kämpfende Ziegenböcke auf dem Rathaus, ein Einkaufszentrum in der ehemaligen Brauerei unbd ein Brunnen, der an deutsche Siedler erinnert. Die von der Euroregion Pomerania veranstaltete Unternehmerreise nach Posen hielt für die Teilnehmer so manche Überraschung bereit.

Ein Bericht von TOBIAS HOLTZ - Nordkurier Neubrandenburg

Posen. „Für uns Polen liegt das Gehirn der Republik in der Hauptstadt Warschau, das Herz in Krakau und das Portemonnaie in Posen. Denn dort gelten die Menschen als besonders sparsam. Da könnte selbst der geizigste Schotte nicht mithalten“, sagt Reiseleiter Michal Faligowski lachend. Doch auch wenn den Einwohnern der Stadt dieser eher schlechte Ruf nachhänge, werde bei ihnen eines besonders groß geschrieben: Gastfreundschaft. Davon konnten sich die Teilnehmer einer Unternehmerreise während ihres zweitägigen Aufenthalts in der westpolnischen Metropole selbst überzeugen. Rund 40 Regionalproduzenten, Landwirte, Touristiker, Gastronomen und Stadtvertreter aus den Landkreisen Mecklenburgische Seenplatte und Vorpommern-Greifswald waren der Einladung der Euroregion Pomerania gefolgt und hatten sich bereits in den frühen Morgenstunden an der Kürassierkaserne in Pasewalk eingefunden. Von dort es ging es mit dem Bus in das etwa 320 Kilometer entfernte Posen an der Warthe (Poznań). „Wir möchten die deutschen und polnischen Betriebe sowie Vereine auf wirtschaftlicher und kultureller Ebene grenzübergreifend miteinander vernetzen und auch den gegenseitigen Austausch der Teilnehmer untereinander fördern“, sagte der stellvertretende Geschäftsführer der Kommunalgemeinschaft Europaregion Pomerania, Udo Hirschfeld.

Pizza am Stiel und bunter Honig

Erste Station der Tour war ein großer, verglaster Gebäudekomplex, in dem die internationale Fachmesse für Lebensmittel, die ‚Polagra Food‘ stattfand. „Posen hat als größte Messestadt Polens weltweit Bekanntheit erlangt“, so der Reiseleiter. Neben polnischen präsentierten auch internationale Aussteller den Besuchern ihre Produkte. Ob japanischer Reisschnaps, Pizza am Stil, Brotchips in ausgefallenen Geschmacksrichtungen, zarter Schinken aus der Schweinekeule oder bunter Honig – für jeden Gaumen war etwas dabei. Jedoch überwog das Angebot an Tiefkühl- und Fertigprodukten, da der Trend der Verbraucher laut Veranstalter immer mehr zu Gerichten gehe, die schnell und einfach zubereitet werden können.

Die Teilnehmer nutzten die Messe, um mit den regionalen Produzenten aus dem östlichen Nachbarland ins Gespräch zu kommen und bislang unbekannte kulinarische Spezialitäten zu probieren. Anschließend war Freizeit angesagt, die die meisten für einen Spaziergang durch die lange Einkaufsstraße Półwiejska nutzten. Dabei durfte ein Besuch des einzigartigen Geschäfts- und Kulturzentrums Stary Browar, das in dem Gebäude einer ehemaligen Brauerei untergebracht ist, nicht fehlen. „Heute zählt die Posener Lech-Brauerei am Stadtrand mit jährlich acht Millionen Hektolitern Bier zu den größten Bierherstellern des Landes“, sagt Faligowski. Bei sommerlichen Temperaturen konnten die Gäste ihren Durst in den urigen Kneipen mit dem bitter-würzig schmeckenden Lech stillen.

Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der wichtigsten Sehenswürdigkeiten in der etwa 550 000 Einwohner zählenden Stadt. So nahm die Geschichte Polens auf der sogenannten Dominsel ihren Anfang. „Der erste Herrscher des Landes, Mieszko I. wurde dort 966 getauft. Wenig später war Posen erster Bischofssitz und Mieszko ließ die St.-Peter-und-Paul-Kathedrale, besser bekannt als ‚Posener Dom‘ bauen, der für den Beginn der Christianisierung des Landes steht“, berichtete Stadtführerin Joanna Ratkowska-Kostecka. Rund 950 Jahre später hatte sich der deutsche Kaiser Wilhelm II. in den Kopf gesetzt, in Posen eine eigene Residenz zu besitzen. Das Schloss wurde 1913 fertiggestellt. „In der Fassade des Mauerwerks lassen sich deutsche Märchen- und Sagenfiguren wie Rotkäppchen, Hänsel und Gretel oder Siegfried der Drachentöter erkennen, die auf Wunsch des Kaisers angebracht wurden“, so die Stadtführerin. Im Zweiten Weltkrieg habe Hitler seinen Chefarchitekten Albert Speer mit der Umgestaltung des Gebäudes zu einer ‚repräsentativen Führerresidenz mit Balkon‘ beauftragt – der Diktator sei aber nie nach Posen gekommen.

Auf dem weitläufigen Alten Markt herrschte reges Treiben. Tauben flatterten um die prächtigen Brunnen, die römische Gottheiten wie Apollon oder Neptun zeigen. Der sogenannte ‚Bamberka-Brunnen‘, der eine mit zwei Wasserkrügen beladene Frau darstellt, hat seine ganz eigene Geschichte. „Jedes Jahr im August wird der Tag der Bamberger gefeiert. Dann treffen sich die Nachfahren der Siedler aus dem fränkischen Bamberg, die Anfang des 18. Jahrhunderts auf Beschluss des Stadtrats nach Posen kamen, um die nach dem Nordischen Krieg brach liegenden Felder wieder zu bewirtschaften“, erzählt Ratkowska-Kostecka. Daher finde man auch heute noch in den Telefonbüchern und an einigen Klingelschildern deutsche Familiennamen wie Schmidt, Schulz, Kaiser oder Jesske. Der Alte Markt als Zentrum der Stadt wurde 1945 nahezu vollständig zerstört und nach dem Krieg nach historischen Vorbild wieder aufgebaut. So auch das ursprünglich im 16. Jahrhundert erbaute Alte Rathaus. Heute dient es als Museum. Die Stadtverwaltung hat ihren Sitz in dem früheren Jesuitenkloster.

Freiwillige durften dem Bäcker assistieren

Eine ganz besondere Attraktion versteckt sich hinter der kleinen Tür über der Uhr des Alten Rathauses. Gegen Mittag versammelten sich große Menschentrauben vor dem Gebäude und richteten ihren Blick nach oben. Punkt 12 Uhr kamen die Figuren zweier Ziegenböcke aus dem Rathausturm – begleitet von einem militärisch anmutenden Trompetenspiel. Im Takt der Glockenschläge gingen sie zwölfmal mit gesenkten Köpfen aufeinander los und trugen ihren ‚Kampf‘ aus. Dieser Mechanismus geht der Legende nach auf die Einweihungsfeier der Rathausuhr im 16. Jahrhundert zurück. „Der Koch wollte anstelle des verkohlten Rehbratens zwei Ziegenböcke für die hohen Herrschaften zubereiten. Sie konnten ihm aber entwischen und kletterten auf das Rathaus, wo gerade die Uhr zu läuten begann“, sagt Ratkowska-Kostecka.

Den krönenden und vor allem süßen Abschluss der Unternehmerreise bildete der Besuch des Posener Hörnchenmuseums. Einige Freiwillige durften dem Bäckermeister bei der Zubereitung der ‚Rogal świętomarciński‘, wie das süße Gebäck auf Polnisch heißt, assistieren. Der Plunderteig aus Hefe wurde kräftig geknetet, mit einem übergroßen Nudelholz ausgerollt und zur Verwunderung der Gäste mit einem langen Säbel portioniert. „Das besondere an unseren Hörnchen ist die Füllung aus fein gemahlenem weißen Mohn, Rosinen, gezuckerten Orangenstückchen und mit Eiern vermischten Keksen“, so der Bäckermeister. Ein Bäcker habe die Rezeptur Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden und sich bei der Hörnchenform an einem Hufeisen orientiert, das das Pferd des Heiligen Martin der Legende nach verloren haben soll. So wie Martin von Tours seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte, habe der Bäcker die Hörnchen auch an die Armen verteilt, um Gutes zu tun. Daher werde ein Großteil der Hörnchen auch traditionell am 11. November gegessen, dem Jahrestag des Heiligen Martin. So lange konnten und wollten die Gäste natürlich nicht warten und ließen sich die frisch gebackenen Souvenirs gleich nach der Vorführung schmecken.

 Fotos: Tobias Holtz

1-2 Täglich um 12 Uhr tragen die beiden Ziegenböcke über der Turmuhr des Alten Rathauses ihren Kampf aus.
3 Apollo-Brunnen am Alten Markt (Stary Rynek)
4 Stary Rynek - der Alte Markt ist das Zentrum der Altstadt
5 Fontanna Prozerpiny, Brunnen vor dem historischen Rathaus am Alten Markt
6 Kirche des hl. Stanislaus - die Stadtpfarrkirche (Kollegiatkirche) gehört zu den wertvollsten barocken Baudenkmälern in Polen.
7 Innenansicht der Stadtpfarrkirche
8 Das Posener Jesuitenkolleg, Sitz der Posener Stadtverwaltung, neben der Stadtpfarrkirche
9 Daniela Them und Ralf Berndt-Marwäde vom Neubrandenburger Marstall sammelten auf der Messe Ideen für neue Snacks.
10 Die Messestände aus Asien hatten vor allem hochprozentige Spirituosen im Angebot.
11 Aussteller aus verschiedenen Ländern präsentierten auf der Lebensmittelfachmesse ihre neuesten Produkte.
12 Einige Freiwillige durften dem Bäckermeister bei der Zubereitung der Rogal świętomarciński (Posener Martinshörnchen) assistieren.
13 Katja Kurzmann (HOP Transnationales Netzwerk Odermündung e. V.) portionierte mit einem langen Säbel die Plunderteigstücke.
14 Damit das Posener Martinshörnchen im Glanz erscheint, wird es mit Zuckerglasur bestrichen und gemahlenen Nüssen bestreut.
15 Mit vielen Eindrücken, neuen Kontakten und Ideen im Gepäck traten die Unternehmer wieder die Heimreise an.

Kontakt zum Autor:  t.holtz@nordkurier.de