Baukultur und Tourismus im ländlichen Raum

Geschrieben von SBC Neubrandenburg

Am 11. Oktober 2018 veranstalteten die Service- und BeratungsCentren der Euroregion POMERANIA in Neubrandenburg und Szczecin (Stettin) in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte einen deutsch-polnischen Erfahrungsaustausch mit 24 deutschen und 23 polnischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Im Rahmen des Forschungsprogramms "Experimenteller Wohnungs- und Städtebau" fördert die Bundesrepublik Deutschland Forschungsfelder, Studien, Initiativen und Modellvorhaben. Letztere sollen erproben, wie sich die Kooperation von Baukultur und Tourismus im ländlichen Raum stärken lässt.

Unter dem Titel "Mecklenburg-Strelitz - historische Baukultur im Wandel" bewarb sich der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte 2017 als Projektträger mit seinen Partnern, dem Tourismusverband Mecklenburgische Seenplatte, der Touristik GmbH Kleinseenplatte und der Architektenkammer M-V, um Förderung und erhielt als eines von sieben Modellvorhaben den Zuschlag.

Grusswort Mueller AGrusswort Gronwald A
Nach der Begrüßung durch die Geschäftsführerin der Kommunalgemeinschaft Europaregion POMERANIA e. V., Andrea Gronwald, und einleitenden Worten des 2. stellvertretenden Landrats des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, Thomas Müller, im Neubrandenburger Landratsamt empfing nach Ankunft im Neustrelitzer Kulturquartier Albrecht Pyritz, Direktor der Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz gGmbH, die Delegation.

Zum ersten Tagesordnungspunkt "Regionale Baukultur als Fundament für einen qualitätsvollen Tourismus auf der Grundlage dauerhafter Kooperationen und Netzwerke" referierten Dipl.-Ing. Architekt Lutz Braun von der architektur:fabrik:nb und Christin Drühl, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit des Tourismusverbandes Mecklenburgische Seenplatte e. V.

In seinen Ausführungen verwies Lutz Braun auf den bedeutenden bauhistorischen Bestand der Region Mecklenburg-Strelitz, der besonders durch den großherzog­lichen Architekten Friedrich Wilhelm Buttel im 18./19. Jahrhundert geprägt wurde und noch bis heute das Erscheinungsbild vieler Ortschaften im südlichen Teil der Mecklenburgischen Seenplatte bestimmt (z. B. Schloss Mirow, Schlossgarten mit Schlosskirche in Neustrelitz, Schloss Hohenzieritz, dichtes Netz von Dorfkirchen...). Basierend auf diesem Erbe und durch die gezielte Ergänzung um qualitätsvolle, zeitgenössische Bauten (Konzertkirche Neubrandenburg, moderner Anbau des Kulturquartiers, Öko-Hotel - Alte Kachelofenfabrik Neustrelitz...) soll das Thema Baukultur als weiterer Tourismusschwerpunkt neben dem vollentwickelten Natur-, Rad-, Wasser und Wandererlebnistourismus in der Region etabliert werden.

Christin Drühl unterstrich in ihrem Vortrag die Wichtigkeit, dass zukünftig der Tourismus stärker auf Qualität statt auf Quantität bei der touristischen Entwicklung der Regionen setzen muss. Im Rahmen der MV-Kampagne 2019 werden z. B. ein Making-of-Video zum Thema Baukultur, drei Seiten im Reisemagazin Mecklenburgische Seenplatte (Auflage ca. 1 Mio. Exemplare), eine Landingpage sowie eine Pressereise vom 9. bis 12. Mai 2019 u. v. m. vorbereitet. Die erwähnte "Herzögliche Tour" (Schloss Mirow, 3 Königinnen Palais, Kulturquartier, Schloss Hohenzieritz) stieß bei Ryszard Kotla auf großes Interesse. Seine Frau Lucyna Kluszczyńska-Kotla und er sind Inhaber der Stettiner Reiseagentur "Kotla Travel". Er versprach, im nächsten Jahr mit einer Delegation diese Tour zu machen. Artur Licznerski, Export-Manager der Firma GOSCO in Świerzno und Reiseleiter, empfahl Frau Drühl, die wichtigsten Einträge auf der Website auch in Polnisch vorzunehmen. Nach seiner Erfahrung kennen die wenigsten polnischen Reisenden die Schönheit und Angebote der Mecklenburgischen Seenplatte.

Im Anschluss führte Albrecht Pyritz die deutschen und polnischen Gäste durch sein Haus. Das preisgekrönte Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz, welches eindrucksvoll die Alte Post mit einem Neubau verbindet, befindet sich im Zentrum der barocken Stadtanlage von Neustrelitz. Es beherbergt das Museum, die Stadtbibliothek, das Karbe-Wagner-Archiv sowie das Archiv des Neutrelitzer Landestheaters. Eine Ausstellung mit 800 Exponaten aus über 300 Jahren Geschichte mit über 20 Medienstationen zog die Gäste in ihren Bann.

Nach dem Mittagessen empfing Margit Herz, Projektleiterin vom Neubrandenburger Regionalbüro der BIG Städtebau GmbH (externer Auftragnehmer), die Delegation am Neustrelitzer Stadthafen. Sie stellte den vom Baumeister Friedrich-Wilhelm Buttel (Schüler von Schinkel) 1856 errichteten ehemaligen Kornspeicher im Stadthafen der Residenzstadt vor und informierte über die denkmalgerechte Sanierung und Integrierung neuer Nutzungskonzepte. Über die erfolgreiche Nutzung des Speichers mit dem Hotel “Alter Kornspeicher“, dem Restaurant “Wild Wasser“ und der Kaffeerösterei „Bohn’aparte“ berichtete bei einem Rundgang die Geschäftsführerin der Kornspeicher am Hafen GmbH und Mitinvestorin, Carolin Töllner.

Als perfekten Abschluss des grenzüberschreitenden Erfahrungsaustausches besuchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Alte Burg Penzlin (Burg Maltzan). Sie wurden von Sven Flechner, Bürgermeister der Stadt Penzlin, und Professorin Dr. Andrea Rudolph, wissenschaftliche Leiterin des Fachmuseums für "Magie und Hexenverfolgungen in Mecklenburg" im Rittersaal begrüßt. Während seiner Ausführungen betonte Sven Flechner, dass  es zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört, Penzlin als attraktiven Wohnstandort sowie als Verwaltungs-, Schul- und Dienstleistungszentrum der Region weiterzuentwickeln. Neben der Stärkung der einheimischen Wirtschaft kommt aufgrund der interessanten Geschichte der Stadt und des Umlandes der aktiven Weiterentwicklung des Tourismus eine große Bedeutung zu. Zu den aktuellen städtischen Aufgaben zählen u. a. die Sicherung und Weiterentwicklung des Schulstandortes sowie die Verbesserung des touristischen Angebotes. Wie er betonte, liegt ihm die Umsetzung des Projektes Voßhaus (Bibliothek, Touristinfo und Voßausstellung) sehr am Herzen. 

Seit 1994 hat Prof. Dr. habil. Andrea Rudolph die Museumsleitung inne. Zudem ist sie hauptberuflich als ordentliche Professorin am Germanistischen Institut der Universität Opole, Lehrstuhl für deutsche Literatur und Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts, tätig. Wie sie berichtete gehören die Hinterlassenschaften aus der Zeit der historischen Hexenverfolgungen zu den schwierigen, aber unbedingt erhaltenswerten Zeugnissen deutscher Geschichte.
Das Museum Burg Penzlin ist ein heute überregional bekanntes Zeugnis für frühneuzeitliche Hexenverfolgungen im norddeutschen Raum. Objektüberlieferungen zum Thema Hexenverfolgungen in der Region, baulich sehr bemerkenswerte frühneuzeitliche Hexenverliese in den Kellern der Burg Penzlin und überlieferte Quellendokumente, die mit der Kleinstadt allein fünf Hexenprozesse verbinden, waren Ausgangspunkt für die 1995 beschlossene Nutzung der Burg Penzlin als kulturgeschichtliches Museum für Alltagsmagie und Hexenverfolgungen in Mecklenburg. Während des Rundgangs verwies sie voller Stolz auf die Vermittlung historischer Inhalte mit modernen Medien im "magischen Kinder- und Familienaktivraum“. In ihrem Museum für Groß und Klein sind Kinder und Jugendliche nicht bloß die potenziellen Besucher von morgen, sondern die Besucher von heute.

Fotos:
Anna Szlesińska
Aleksandra Wietrzychowska
Robert Neukammer
Renate Rabe

 

Interreg